"Unlike the prevention of many other diseases the prevention
of cancer requires no government help, and no extra money"

Otto Heinrich Warburg aus seinem Vortrag vor Nobel-Preisträgern am 30. Juni 1966 in Lindau.

Hintergrund
Seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts weiß man durch die Arbeiten des deutschen Chemikers Otto Heinrich Warburg, dass die Krebszelle einen anderen Stoffwechsel als eine normale Zelle hat: sie gewinnt Energie ausschließlich aus Zucker (Glukose), im Gegensatz zur normalen Zelle kann sie mit Fett als Energiequelle nichts anfangen. Warburg hat dafür den Nobelpreis erhalten, leider hat diese Erkenntnis bis heute nicht wirklich die Resonanz gefunden, die ihr gebührt. 

Schon etwa 15 Jahre zuvor (1913) hatten van Ness und Beebe nachgewiesen, dass sich ein transplantierter bösartiger Tumor (Sarkom) in zuvor ketogen ernährten Ratten nicht weiter entwickelte, wohl aber in normal ernährten Ratten!

Die Krebszelle hat im Vergleich zur normalen Zelle einen 2 - 60 fachen, nach anderen Quellen bis 200 fachen Energieumsatz aus der Glykolyse, also dem Glukoseabbau, entsprechend höher ist ihr Glukosebedarf. Daher haben Krebszellen auch deutlich mehr Insulinrezeptoren an ihrer Oberfläche und sind somit in der Lage, anderen Zellen den Zucker wegzunehmen. Dies führt zu einer deutlichen Verschlechterung der Ernährungssituation der Erkrankten. Es kommt zu einem "inneren verhungern" (Kachexie), was der Grund dafür ist, weshalb Krebskranke oft total abmagern, trotz eigentlich ausreichender Kalorienzufuhr. 
Insulin
Höhere Blutzuckerspiegel haben auch höhere Insulin- und IGF1-Spiegel zur Folge, was dem Wachstum der Krebszellen zugute kommt. Die Zellteilung (Proliferation) funktioniert nur in Anwesenheit von Insulin und IGF1. Die unterstützende Wirkung des Insulins für das Tumorwachstum kennt man schon seit 1924 [5], den Zusammenhang mit Kohlenhydraten hatte Ernst Freund noch früher erkannt, nämlich bereits 1916 [5].

Und so könnte man sich jetzt tatsächlich fragen: wenn das alles schon so lange bekannt ist, warum wird dieses Wissen nicht stärker in der Krebstherapie genutzt?

Situation bei LCHF
Bei einer ketogenen LCHF-Ernährung kommt es zu einer generellen Umstellung der Energieversorgung, siehe hierzu auch "Stoffwechsel bei LC". Die normale Zelle ist nun nicht mehr auf Glukose angewiesen, denn sie wird jetzt bestens mit Fettsäuren und Ketonkörpern versorgt. Der Ernährungszustand des Patienten verbessert sich dadurch signifikant.

Unter LCHF bleibt der Blutzucker konstant niedrig, für die Krebszelle mit ihrem enormen Glukosebedarf bedeutet das Stress:
ihre Energieversorgung verschlechtert sich dadurch dramatisch, und das Tumorwachstum wird behindert. Mit den reichlich zur Verfügung stehenden Fettsäuren und Ketonen kann sie nichts anfangen. Wir haben also eine wirksame Verschiebung der Energieversorgung zugunsten der normalen Zelle und zum Schaden der Krebszelle.
Die erzeugten Ketonkörper hemmen darüber hinaus die Glukoneogenese[3,4], die als Energie verbrauchender Prozess nicht nur die Kachexie verstärkt, sondern auch zu Muskelabbau und besserer Versorgung der Krebszellen durch die erzeugte Glukose führt. Und schließlich verschlechtert der niedrige Insulinspiegel die Bedingungen für das Tumorwachstum.

Immunsystem
Die ketogene Ernährung verbessert auch die Bedingungen für das Immunsystem: da Glukose und Ascorbinsäure (Vitamin C) um den Eintritt in die Zelle konkurrieren, verbessert das geringere Glukoseangebot jetzt die Aufnahme von Vitamin C in die Zelle, was für die effektive Funktion des Immunsystems von großer Wichtigkeit ist.
Stresshormone
Darüber hinaus senkt LCHF die Spiegel der Stresshormone, die dämpfend auf das Immunsystem wirken (Siehe LC und Hormone). Das Immunsystem kann unter LCHF erst seine volle Leistungsfähigkeit entfalten und effektiv an der Bekämpfung der Krebszellen mitarbeiten.

Antiglykolytische Therapien
hierzu in Kürze mehr an dieser Stelle

Auf der Website paleo360 findet sich ein Interview mit dem Krebsforscher Dr. Clement, das sie auch hierlesen können.

Warum die geringe Verbreitung?
Das hat nach Prof. Dr. Thomas N. Seyfried vom Boston College sehr viel mit Ökonomie zu tun. So drückte er sich jedenfalls in einem Interview aus [6,7], so steht es in seinem Buch[2], und so ähnlich ist es auch im Buch von Frau Prof. Dr. U. Kämmerer[1] zu lesen. 

Die Kliniken müssen Geld verdienen, keine Frage. Chemo- oder Radiotherapien  sind teuer, damit kann man gutes Geld verdienen. Wie man das mit ketogener Ernährung erreichen könnte, hat noch keiner herausgefunden. Seyfried sieht hier die Gesundheitspolitik gefordert.

Ein anderer Grund: wie es in solchen Situationen meist der Fall ist, gibt es hierzu auch andere Meinungen, wie z.B. in [8] diskutiert. Hier lohnt es sich, auch mal in die vielen Kommentare zu schauen!

Der Mitochondrien-Experte Douglas C. Wallace stellt zwar fest, dass die ursprüngliche Warburg-Hypothese nach neueren Ergebnissen nicht zu 100% aufrecht erhalten werden kann, weil auch die Krebszelle zumindest noch teilweise funktionsfähige Mitochondrien erfordert, hebt aber andererseits die negativen Folgen erhöhter KH-Zufuhr hervor [9,10].

Ich persönlich sehe das ganz pragmatisch: wenn ich durch so eine einfache Maßnahme, wie es eine Veränderung der Ernährungsgewohnheiten ist (die darüber hinaus auch noch ein ganze Reihe von sehr positiven "Neben-wirkungen" besitzt), wenn ich - möglicherweise - allein dadurch der Krebszelle das Leben schwer machen kann, dann muss ich nicht lange überlegen. Hier kann man nichts verlieren, aber alles gewinnen!

 

Literatur:

1. U. Kämmerer, C. Schlatterer, G. Knoll: "Krebszellen lieben Zucker - Patienten brauchen Fett", Systemed-Verlag 2012, 1.Aufl.
Nach meiner Meinung ein ganz ausgezeichnetes Buch. Es geht hier nicht nur um Krebs: das Buch ist auch eine hervorragende Einführung in die ketogene Ernährung überhaupt. In deutscher Sprache kenne ich nichts besseres. Absolut lesenswert!

2. Thomas N. Seyfried: "Cancer as a Metabolic Disease
On the Origin, Management and Prevention of Cancer"
 John Wiley & Sons, 2012 
3. Sherwin, R.S., Hendler, R.G., Felig, P.: "Effect of ketone infusions on amino acid and nitrogen metabolism in man", J. Clin. Invest., 1975, 55(6), S. 1382 -1390

4. Klement, R., Kämmerer, U.: "Is there a role for carb restriction in the prevention and treatment of cancer?", Nutrition & Metabolism 2011, 8:75

5. M. Händel and K. Tadenuma, “Über die Beziehungen des Geschwulstwachstums zur Ernährung und zum Stoffwechsel,” Z. Krebsforsch., vol. 21, no. 4, pp. 288–293, Jul. 1924.

6. Thomas Seyfried, veröffentlicht auf YouTube am 04.11.2014, siehe hier ab Min 5:25.

7http://www.examiner.com/article/low-carb-ketogenic-diet-beats-chemo-for-most-cancers-says-dr-thomas-seyfried 

8https://www.sciencebasedmedicine.org/ketogenic-diets-for-cancer-hype-versus-science/ 

9. D. C. Wallace, “Mitochondria and cancer,” Nat Rev Cancer, vol. 12, no. 10, pp. 685–698, 2012.

10. D. C. Wallace, “A Mitochondrial Paradigm of Metabolic and Degenerative Diseases, and Cancer: A Dawn for Evolutionary Medicine,” Annu Rev Genet. 2005, vol. 39, pp. 1–51, 2005.