Die Arbeitsgruppe um Joe Hibbeln vom NIH hat erneut eine alte Studie reexaminiert: diesmal ist es das "Minnesota Coronary Experiment (MCE)", das zwischen 1968 und 1973 stattgefunden hatte. Diese RCT-Studie war die grösste und möglicherweise auch die am strengsten kontrollierte je durchgeführte Studie zur Cholesterinsenkung. Es wurden - so wie auch in der hier schon besprochenen Sydney-Studie - den Teilnehmern die gesättigten Fette genommen und durch Pflanzenöl mit hohem Gehalt an Linolsäure (z.B. Distelöl) ersetzt. Es wurden damals nicht alle Ergebnisse publiziert, daher die erneute Auswertung.

Mittlerweile gibt es zu dieser Studie auch einen Bericht in der Ärztezeitung vom 2.5.2016: "Der fette Irrtum".

Das Ergebnis in aller Kürze:
Der Ersatz der gesättigten Fette durch Linolsäure senkte das Serumcholesterin um knapp 14%. Die Sterblichkeit erhöhte sich bei jeder Senkung um 30mg/dl um 22%.

Oder in einem Satz:
Je niedriger das Cholesterin umso höher die Sterblichkeit!
Ich vermute, das wird die cholesterinsenkende Präparate herstellende Pharmaindustrie gar nicht gerne hören. Und Unilever auch nicht...
Und die Ärzte sicher auch nicht, denn wer verliert schon gerne gute Kunden?

Zum Stand des Wissens äussern sich die Autoren so:
"Die traditionelle "Diet-Heart-Hypothesis" geht davon aus, das der Ersatz gesättigter Fette durch Pflanzenöle mit hohem Gehalt an Linolsäure die cardiovaskulär verursachte Sterblichkeit durch Cholesterinsenkung verringert. Ein kausaler Zusammenhang wurde jedoch nie durch eine randomisierte, kontrollierte (RCT) Studie nachgewiesen, und blieb so ein unbewiesenes Paradigma seit über 50 Jahren". 

Welche Erkenntnisse bringt die neue  Studie:

  • Senkung des Cholesterins erhöht nicht die Überlebensrate.

  • Im Gegenteil, die Senkung erhöht die Sterblichkeit

  • Die traditionelle "Diet Heart-Hypothesis" wird durch systematische Reviews und Metaanalysen nicht gestützt.

Eher traurig, vielleicht - je nach Gemüt - auch erheiternd,  stimmen die Kommentare zweier "Experten", nachzulesen hier. Besonders Prof. Jeremy Pearson von der British Heart Foundation hat mich zum Lachen gebracht: der Arme hat offenbar überhaupt nicht verstanden, um was es hier geht. Oder aber, er hat es gar nicht gelesen. Da er sich aber in 2014 zu einer Studie mit einem ähnlichen Ergebnis vergleichbar geäussert hat, könnte es auch sein, dass er immer nur seine Standardantwort herausgibt. So kann man sich auch lächerlich machen...

Literatur:

[1] C. E. Ramsden, D. Zamora, S. Majchrzak-Hong, K. R. Faurot, S. K. Broste, R. P. Frantz, J. M. Davis, A. Ringel, C. M. Suchindran, and J. R. Hibbeln, “Re-evaluation of the traditional diet-heart hypothesis: analysis of recovered data from Minnesota Coronary Experiment (1968-73),” Brithish Med. J., vol. 353:i1246, no. http://www.bmj.com/content/353/bmj.i1246, pp. 1–17, 2016.

Kommentare   

0 # euroClinix 2016-09-28 11:55
Hallo Jürgen,

eine wirklich interessante Studie, die du hier vorstellst.

Dein Artikel wie auch die Studie zeigen einmal mehr, dass es wichtig ist Studienergebnis se zu hinterfragen und teilweise auch neu zu validieren.

Für die meisten ist es sicher schockierend zu erfahren, dass eine Senkung des Cholesterinspie gels nicht zwingend einen positiven Effekt haben muss. Wenngleich sich wohl viele darüber freuen werden, tierische Fette wieder ohne Gewissensbisse konsumieren zu können.

Eine Information fehlt mit leider doch, ich konnte beim ersten Blick auf das Studien-Abstrac t auch nichts hierzu finden - es wird ja ausschließlich vom Serumcholesteri n gesprochen, leider jedoch nicht das Verhältnis zwischen LDL und HDL erwähnt. Es wäre interessant zu wissen welche Lipoprotein-Art in welcher Stärke gesenkt wurde.

Hast du hierzu vielleicht Informationen gefunden?

Ich freue mich auf deine Antwort.

Beste Grüße
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